Der Brief

Einen guten Brief zu schreiben, ist eine hohe Kunst. Zum Glück gibt es immer wieder Ratgeber, die einem den richtigen Weg weisen, so auch Lutz Mackensen im 1979 erschienenen Buch “Gutes Deutsch in Schrift und Sprache” (S. 144 ff.). Nebenbei kann man sich an dessen herzerfrischender Metaphorik erfreuen.

Zunächst soll der Briefschreiber seine eigene Sprache finden:

Denke erst, dann schreibe! Wer einen Brief schreibt, muß bereits mehr können als sprechen und schreiben; er muß gelernt haben, seine Gedanken zu formulieren! Die Sprache ist ein gefährlich Ding. Sie unterschiebt uns leicht die Gedanken anderer. Vorgefertigte Sätze fliegen uns an wie Bazillen.

Belehrungen sind im Brief zu vermeiden:

Belehre nicht! Niemand läßt sich gern belehren, auch nicht, wenn er gerne lernt. Der Unterschied zwischen lernen und belehrt werden: der Mensch hat viel vom Tier gelernt, aber das Tier hat ihn nie belehrt. Es ist der gleiche Unterschied wie zwischen aktiv und passiv. Das Passiv nennt man im Deutschen Leideform, Aktiv heißt Tatform. Unser Briefpartner will nicht leiden, sondern tun. [...] Wer aber belehrt, setzt sich selbst aufs Katheder und den Belehrten in die Schulbank.

Auch mit der Höflichkeit sollte man es nicht übertreiben:

Höflichkeit ist das Getriebeöl der Gesellschaft; es verringert die Reibung, aber man kann es nicht genießen. Mit Öl soll man sparsam umgehen. Freundlichkeit jedoch wärmt; sie hört auf, freundlich zu sein, wenn sie ölig wird.

Und schließlich sollte man sich in wenigen Worten ausdrücken können (nur bei den Metaphern braucht man offenbar nicht so sparsam zu sein):

Kurz und klar, aber nicht kurz angebunden! Einem Hund, der mehrmals zufassen muß, beißt die Ratte in die Nase. Der Gedanke, den man fest im Griff hat, kann sich nicht selbständig machen und Verwirrung stiften. Wortreichtum? Wer reich an Worten ist, findet leicht ein treffendes Wort und braucht deshalb nur wenig. Wer wenig Worte besitzt, muß viele Worte machen, um zu sagen, was er meint. Es gibt auch Leute, die aus Worten Schaum schlagen können. Aber Schaum hat keinen Kern und sättigt nicht. Wer Schaum schlägt, darf sich nicht wundern, wenn der andere sich eingeseift fühlt.

Ich glaube, jetzt habe ich es verstanden.

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